Disketten in der Industrie Programme für Maschinen
In einigen älteren, nicht modernisierten industriellen Systemkonfigurationen werden 3,5-Zoll-Disketten bis heute als Speichermedien ohne Netzverbindung genutzt – auch 2025 noch.
Der Einsatz ist nicht flächendeckend und hängt von Anlage, Baujahr, Betreiber und Modernisierungsstand ab. Öffentliche, belastbare Gesamtzahlen existieren nicht. Besonders betroffen sind CNC-Maschinen, SPS-Steuerungen, Stickmaschinen und Messgeräte aus den 1980er bis 2000er Jahren. Diese Anlagen haben Lebenszyklen von 30-40 Jahren – solange sie zuverlässig produzieren, besteht für viele Betreiber kein Anlass zur Modernisierung.
Fakten zu Disketten in der Industrie
Begrenzter Einsatz
Disketten nur in bestimmten älteren Konfigurationen.
Lange Lebenszyklen
Industrieanlagen über 30-40 Jahre im Betrieb.
Freigabepflicht
Änderungen erfordern Tests und Dokumentation.
Arbeitsabläufe ohne Netzwerk
Kontrollierte, physische Datenübertragung per Diskette.
Einsatzbereiche von Disketten in der Industrie
CNC-Werkzeugmaschinen
CNC-Fräsmaschinen, Drehmaschinen und Bearbeitungszentren aus den 1990er und 2000er Jahren nutzen häufig Disketten für die Übertragung von NC-Programmen (G-Code). Maschinen von Haas, Fadal, Mazak, Hurco, Okuma und anderen Herstellern haben standardmäßig 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerke verbaut. Ein einzelnes NC-Programm kann mehrere Disketten umfassen – manche Werkstätten führen Ordner voller beschrifteter Disketten für verschiedene Werkstücke. Die Alternative RS232-Seriell-Verbindung ist bei diesen Maschinen oft langsamer als die Disketten-Übertragung.
SPS-Steuerungen und Automatisierung
Die Siemens SIMATIC S5-Reihe, die von 1979 bis in die 2000er Jahre produziert wurde, nutzt Disketten für Programmsicherung und -übertragung. Auch frühe S7-200/300/400-Systeme können Disketten-Schnittstellen haben. Die Programmier-Software STEP 5 und frühe STEP 7-Versionen arbeiten mit Autorisierungs-Disketten (sog. „Yellow Disk"). Viele S5-Anlagen sind nach über 40 Jahren noch in Betrieb – sie steuern Produktionslinien, Förderanlagen und Prozessautomatisierung in Fabriken weltweit.
Industrielle Stickmaschinen
Industrielle Stickmaschinen von Tajima, Barudan, Happy, Richpeace und anderen Herstellern aus den 1990er und 2000er Jahren verwenden Disketten für Stickmuster und Designs. Die Maschinen lesen proprietäre Dateiformate direkt von der Diskette. Bei Mehrköpf-Stickmaschinen mit 6, 12 oder mehr Stickköpfen werden komplexe Muster geladen, die oft mehrere 720-KB- oder 1,44-MB-Disketten umfassen. Der weltweite Markt für industrielle Stickmaschinen wächst weiter – viele Betriebe setzen bewährte Maschinen über Jahrzehnte ein.
Qualitätssicherung und Messtechnik
Prüfstände, Koordinatenmessgeräte und Qualitätssicherungssysteme älterer Generationen nutzen Disketten zur Datensicherung, Kalibrierung und Übergabe von Prüfergebnissen. Messprotokolle werden auf Disketten archiviert, um die Rückverfolgbarkeit von Qualitätsdaten zu gewährleisten. In regulierten Branchen wie der Medizintechnik oder Automobilzulieferindustrie können solche Archive jahrzehntelang aufbewahrt werden müssen.
Lasermaschinen und Schneidanlagen
Ältere Laserschneider, Wasserstrahlschneidanlagen und Brennschneidmaschinen laden Schnittmuster und Arbeitsprogramme von Disketten. Die Steuerungen dieser Maschinen wurden oft mit minimaler Rechenleistung entwickelt – USB-Schnittstellen waren zur Entwicklungszeit noch nicht standardmäßig in industriellen Controllern verfügbar. Die Umrüstung auf modernere Steuerungen würde oft mehr kosten als eine gebrauchte Maschine gleichen Typs.
Wartung und Service
Servicetechniker nutzen Disketten für Firmware-Updates, Diagnose-Software und Parametersicherungen bei älteren Maschinen. Manche Hersteller liefern Service-Disketten mit spezifischen Tools für Inbetriebnahme und Fehleranalyse. In Werkstätten ohne Netzwerkanbindung – etwa in abgelegenen Produktionsstätten oder sicherheitskritischen Bereichen – bieten Disketten eine zuverlässige Methode zur Datenübertragung ohne Infrastrukturaufwand.
Warum werden Disketten in der Industrie weiter genutzt?
Die Nutzung von Disketten in bestimmten industriellen Systemen ist technisch und prozessual begründet – nicht Ausdruck von Rückständigkeit. Es gibt handfeste wirtschaftliche und sicherheitstechnische Gründe.
Wirtschaftlichkeit im Bestand
Eine neue CNC-Maschine kostet oft mehrere hunderttausend Euro. Die Umrüstung der Steuerung kann 20.000-50.000 Euro kosten. Solange die bestehende Maschine zuverlässig produziert, ist ein Austausch oder eine Modernisierung wirtschaftlich nicht sinnvoll – die Disketten-Schnittstelle funktioniert ja.
Cybersicherheit durch Offline-Betrieb
Disketten bieten einen Sicherheitsvorteil: Als offline-Medium ohne Netzwerkverbindung sind sie immun gegen Cyberangriffe, Ransomware und Remote-Hacking. In Zeiten zunehmender Industriespionage und Cyberbedrohungen schätzen manche Betreiber diese „Air Gap" als zusätzliche Schutzschicht.
Zertifizierte Produktionsprozesse
In regulierten Branchen wie Medizintechnik, Luftfahrt oder Automotive sind Produktionsprozesse validiert und dokumentiert. Änderungen an Datenwegen erfordern Re-Validierung, Tests und behördliche Genehmigungen. Der Aufwand kann den Nutzen einer Modernisierung übersteigen.
Ersatzteil- und Support-Situation
Für viele ältere Steuerungen gibt es keine offiziellen Updates mehr. Der Hersteller existiert vielleicht nicht mehr oder bietet keinen Support. Eine Umrüstung auf USB würde proprietäre Hardware erfordern, die ebenfalls nur begrenzt verfügbar ist. Disketten hingegen sind austauschbar und standardisiert.
Etablierte Arbeitsabläufe
Über Jahrzehnte haben sich bewährte Prozesse für die Datenübertragung per Diskette entwickelt. Mitarbeiter sind geschult, Checklisten existieren, die Dokumentation ist vollständig. Eine Umstellung würde Schulungen, neue Prozesse und Anpassungen der Qualitätssicherung erfordern.
Physische Nachvollziehbarkeit
Disketten schaffen klare Übergabepunkte. Wer hat wann welche Daten übertragen? Die physische Medienverwaltung mit beschrifteten und archivierten Disketten ermöglicht eine lückenlose Nachverfolgung – wichtig für Qualitätsmanagement und Audits.
Technische Details: Disketten in industriellen Systemen
Diskettenformate in der Industrie
In industriellen Anwendungen kommen zwei Diskettenformate zum Einsatz: Die 3,5-Zoll-DD-Diskette (Double Density) mit 720 KB Kapazität und die 3,5-Zoll-HD-Diskette (High Density) mit 1,44 MB. Ältere CNC-Steuerungen aus den späten 1980er Jahren können oft nur DD-Disketten (720 KB) lesen – das Einlegen einer HD-Diskette führt zu Lesefehlern. Die Formatierung erfolgt meist im DOS-FAT12-Standard, der mit den industriellen Controllern kompatibel ist.
Die Speicherkapazität einer 3,5-Zoll-Diskette reicht für die meisten industriellen Anwendungen: Ein typisches NC-Programm für eine CNC-Fräse umfasst 50-500 KB. Komplexe Stickmuster können bis zu 320.000 Stiche speichern. SPS-Programme der Siemens S5-Generation passen problemlos auf eine einzelne Diskette. Nur bei sehr komplexen Werkstücken oder umfangreichen Stickmustern werden mehrere Disketten benötigt.
Disketten-Emulatoren als Brückentechnologie
Um das Problem schwindender Diskettenbestände zu lösen, setzen viele Betriebe auf Disketten-Emulatoren wie den Gotek. Diese Geräte ersetzen das physische Diskettenlaufwerk und emulieren es gegenüber der Maschine. Statt echter Disketten werden USB-Sticks verwendet, die speziell formatiert werden, um wie Disketten auszusehen. Die Maschine erkennt keinen Unterschied – sie „denkt", sie liest von einer normalen Diskette.
Die Installation eines Disketten-Emulators ist meist einfach: Das alte Laufwerk wird ausgebaut, der Emulator an dieselben Anschlüsse angeschlossen. Kein Software-Update, keine Neuprogrammierung der Steuerung erforderlich. Der USB-Stick muss allerdings im FAT12-Format mit 1,44 MB „virtuellen Disketten" formatiert werden – handelsübliche USB-Sticks mit FAT32 funktionieren nicht direkt. Spezialisierte Software wie „FlashFloppy" oder die Tools der Hersteller übernehmen diese Formatierung.
Die Siemens SIMATIC S5 – ein Industriestandard
Die Siemens SIMATIC S5 ist eines der langlebigsten SPS-Systeme der Industriegeschichte. Eingeführt 1979, wurde sie bis in die 2000er Jahre produziert und ist auch 2025 noch in tausenden Anlagen weltweit im Einsatz. Die S5 nutzt Disketten für Programmsicherung, -übertragung und Software-Lizenzen. Die Programmier-Software STEP 5 läuft unter MS-DOS oder Windows XP und verwendet Autorisierungs-Disketten („Yellow Disk") für die Lizenzierung.
Siemens hat 2019 offiziell das Ende des S5-Supports angekündigt, doch die Anlagen laufen weiter. Ein Migrationsprojekt auf moderne S7-1500-Steuerungen kann Monate dauern und sechsstellige Summen kosten – ohne dass sich an der Funktion der Anlage etwas ändert. Viele Betreiber entscheiden sich daher, ihre S5-Systeme weiterzubetreiben, solange Ersatzteile und Disketten verfügbar sind.
Branchen und Maschinentypen mit Disketten-Systemen (Stand 2025)
Die folgende Übersicht zeigt Beispiele für industrielle Anwendungen, in denen Disketten-Systeme dokumentiert oder noch im aktiven Einsatz sind. Die tatsächliche Verbreitung variiert je nach Betrieb und durchgeführten Modernisierungen.
CNC-Bearbeitungszentren
Haas VF-Serie (bis ca. 2005), Fadal VMC, ältere Mazak-Maschinen, Hurco, Okuma und viele andere CNC-Hersteller haben Diskettenlaufwerke verbaut. Die Maschinen lesen NC-Programme im DIN/ISO-Format oder herstellerspezifischen Dialekten. In Lohnfertigungsbetrieben und Werkzeugbaubetrieben sind solche Maschinen nach 20-30 Jahren noch produktiv im Einsatz.
Industrielle Stickmaschinen
Tajima TMEF/TMEG-Serien, Barudan BENS/BENT, Happy HCS-Reihen und chinesische Hersteller wie Richpeace nutzen Disketten für Stickmuster. Die Maschinen lesen proprietäre Formate wie DST (Tajima), DAT (Barudan) oder andere. Stickereien mit 6-24 Köpfen produzieren Logos, Wappen und Textilveredelungen für Bekleidung, Werbeartikel und Heimtextilien.
SPS-Steuerungen
Siemens SIMATIC S5-95U, S5-115U, S5-135U und S5-155U sind in Produktionslinien, Förderanlagen, Verpackungsmaschinen und Prozessautomatisierung im Einsatz. Auch frühe S7-200/300/400-Systeme können Disketten-Schnittstellen haben. Allen-Bradley PLC-5 und SLC-500 aus den 1980er/90er Jahren nutzen ebenfalls Disketten für Programmsicherung.
Messgeräte und Prüfstände
Ältere Koordinatenmessgeräte von Zeiss, Mitutoyo oder Wenzel, Härteprüfer, Oberflächenmessgeräte und Materialprüfmaschinen nutzen Disketten für Messprogramme und Protokollausgabe. In der Qualitätssicherung werden Messdaten oft jahrzehntelang archiviert – die Disketten-Archive bleiben erhalten.
Laser- und Schneidanlagen
Trumpf, Bystronic, Amada und andere Hersteller haben ältere Laserschneider, Stanzmaschinen und Abkantpressen mit Disketten-Schnittstellen im Markt. Die Maschinen lesen Schnittmuster und Biegeprogramme von Disketten. Manche Betriebe nutzen CAD/CAM-Systeme, die direkt auf Disketten exportieren können.
Textilindustrie allgemein
Neben Stickmaschinen nutzen auch Strickmaschinen, Webmaschinen und Textildruckmaschinen älterer Bauart Disketten für Muster und Programme. Die Textilindustrie in Asien und Osteuropa setzt viele Gebrauchtmaschinen aus westlichen Ländern ein, die jahrzehntelang weiterproduzieren.
Disketten vs. vernetzte Systeme im Vergleich
| Kriterium | Disketten-Systeme | Vernetzte Systeme |
|---|---|---|
| Angriffsfläche | Keine Netzwerkexposition, immun gegen Ransomware und Remote-Hacking | IT-Absicherung, Firewalls und Updates erforderlich |
| Prozesskontrolle | Physische Übergabe, eindeutige Nachverfolgbarkeit | Fernzugriff möglich, komplexe Rechteverwaltung |
| Investitionskosten | Keine (bestehendes System) | Neue Steuerung 20.000-100.000+ Euro |
| Betriebskosten | Disketten und Laufwerke (gering) | IT-Infrastruktur, Wartung, Lizenzen |
| Übertragungsgeschwindigkeit | Sekunden bis Minuten pro Programm | Millisekunden bis Sekunden |
| Änderungsaufwand | Etablierte, validierte Prozesse | Neue Tests, Schulungen, Dokumentation |
| Infrastruktur | Nur Diskettenlaufwerk, keine Netzwerke | Server, Netzwerke, Accounts, Backups |
| Dokumentation | Physische Disketten mit Beschriftung | Digitale Prüfprotokolle und Versionierung |