Disketten in der Luftfahrt
In einigen älteren, nicht modernisierten Bordrechner-Konfigurationen werden 3,5-Zoll-Disketten bis heute als Speichermedium ohne Netzverbindung für Wartung und Systemdaten genutzt – auch 2025 noch.
Öffentliche, belastbare Gesamtzahlen zur Verbreitung existieren nicht. Die Nutzung von Disketten hängt von der individuellen Bordrechner-Konfiguration ab, die je nach Betreiber, Wartungshistorie und durchgeführten Modernisierungen unterschiedlich ist. Bei der Boeing 747-400 beispielsweise ist in jeder Maschine ein Disketten-Datenladegerät verbaut, wobei nicht alle Betreiber dieses noch aktiv nutzen. Manche Airlines sind bereits auf USB-basierte oder kabellose Systeme umgestiegen.
Fakten zu Disketten in der Bordelektronik
Begrenzter Einsatz
Disketten nur in bestimmten älteren Konfigurationen älterer Flotten.
Lange Lebenszyklen
Flugzeuge werden über 30-40 Jahre betrieben.
Zertifizierungspflicht
Änderungen an Disketten-Systemen erfordern behördliche Genehmigung.
Getrennte Netzwerke
Physische Datenübertragung per Diskette ohne Netzverbindung.
Einsatzbereiche von Disketten in der Bordelektronik
Navigationsdatenbank-Updates per Diskette
Die Navigationsdatenbank enthält alle Informationen, die Piloten für die Flugplanung benötigen: Flughäfen, Landebahnen, Wegpunkte (Waypoints), Luftstraßen (Airways), An- und Abflugverfahren (SID/STAR), ILS-Frequenzen und Hindernisdaten. Diese Daten werden alle 28 Tage gemäß dem internationalen AIRAC-Zyklus (Aeronautical Information Regulation And Control) aktualisiert. Bei älteren Flugzeugen wie der Boeing 747-400 lädt ein Techniker bis zu zwölf 3,5-Zoll-Disketten manuell in das Datenladegerät im Cockpit.
Wartung und Diagnostik
Diagnose-Software und Wartungsparameter können über Disketten auf Bordcomputer übertragen werden. Dies ermöglicht eine kontrollierte, dokumentierbare Datenübertragung ohne Netzwerkverbindung. Wartungstechniker nutzen Disketten, um Fehlerspeicher auszulesen, Systemparameter anzupassen und Software-Updates auf einzelne Avionik-Komponenten aufzuspielen. Der Prozess ist langsamer als moderne Methoden, aber bewährt und nachvollziehbar.
Konfigurations- und Leistungsdaten
Triebwerks- und Systemkonfigurationen werden über Disketten auf die entsprechenden Bordrechner geladen. Die physische Übertragung bietet Prozesskontrolle und Nachvollziehbarkeit – jede Datenladung erfordert physische Präsenz eines autorisierten Technikers. Performance-Daten für verschiedene Flughäfen und Bedingungen können ebenfalls über Disketten aktualisiert werden.
Flight Management System (FMS)
Das Flight Management System ist das Herzstück der Flugzeugnavigation und berechnet den optimalen Flugweg, Treibstoffverbrauch und Ankunftszeiten. Bei älteren FMS-Generationen erfolgen Software-Updates und Datenbankaktualisierungen über Disketten. Das FMS nutzt die per Diskette geladenen Navigationsdaten für automatische Routenführung und Autopilot-Steuerung.
Service- und Übertragungsmedien
In Wartungsumgebungen dienen Disketten teilweise als Übertragungsmedium zwischen Bodensystemen und Flugzeugkomponenten – insbesondere bei älteren Prüf- und Testgeräten. Manche Wartungshangars verfügen über Ordner voller beschrifteter Disketten für verschiedene Avionik-Systeme, die je nach Bedarf eingesetzt werden.
ARINC 615 Datenladung
Der ARINC 615 Standard definiert das Protokoll für Software-Datenladungen in der Luftfahrt. Dieser Standard wurde in den 1990er Jahren entwickelt und sieht Disketten als eines der Übertragungsmedien vor. Das Datenladegerät (Data Loader Unit) verifiziert Prüfsummen und digitale Signaturen, bevor die Daten auf die Zielsysteme übertragen werden.
Warum werden Disketten in der Luftfahrt weiter genutzt?
Die Nutzung von Disketten in bestimmten Bordrechner-Systemen ist technisch und regulatorisch begründet – nicht Ausdruck von Rückständigkeit. Es gibt handfeste Gründe, warum Airlines ihre älteren Flugzeuge nicht einfach auf USB oder WLAN umrüsten.
Zertifizierungshistorie
Bordrechner-Systeme werden mit definierten Schnittstellen – einschließlich Diskettenlaufwerken – zertifiziert. Änderungen erfordern umfangreiche Nachweise, Tests und behördliche Genehmigungen durch FAA, EASA oder andere Luftfahrtbehörden. Diese Prozesse können Jahre dauern und Millionen kosten.
Cybersicherheit durch Netzwerktrennung
Disketten bieten einen überraschenden Sicherheitsvorteil: Als offline-Medium ohne Netzwerkverbindung sind sie immun gegen Remote-Hacking und Cyberangriffe. Die physische Übertragung per Diskette schafft eine „Air Gap" – eine Luftlücke zwischen dem Flugzeugsystem und potenziellen Angreifern aus dem Internet.
Umrüstungskosten
Der Austausch von Datenladegeräten erfordert technische Entwicklung, Zertifizierung und Flottenintegration. Eine einzelne Umrüstung kann mehrere hunderttausend Euro kosten. Bei einer Flotte von 200 Flugzeugen entstehen schnell Kosten im zweistelligen Millionenbereich, zuzüglich Ausfallzeiten während der Umrüstung.
Bewährte Zuverlässigkeit
Die Disketten-Technologie ist seit den 1980er Jahren im Einsatz und hat sich unter verschiedensten Betriebsbedingungen bewährt. Im Gegensatz zu modernen Systemen wie dem Boeing 737 MAX, das durch Software-Probleme tragische Unfälle verursachte, haben Disketten-basierte Systeme eine nahezu makellose Sicherheitsbilanz.
Restlaufzeit der Flugzeuge
Bei älteren Flugzeugen mit begrenzter Restlaufzeit ist eine kostspielige Umrüstung wirtschaftlich oft nicht darstellbar. Wenn ein Flugzeug in 5-10 Jahren ohnehin ausgemustert wird, lohnt sich die Investition in neue Avionik-Systeme nicht. Stattdessen werden die bestehenden Disketten-Systeme bis zum Flottenende weiterbetrieben.
Standardisierte Prozesse
Über Jahrzehnte haben sich etablierte Arbeitsabläufe für Datenladung per Diskette entwickelt. Schulungen, Dokumentationen und Checklisten existieren flächendeckend in der Branche. Eine Umstellung würde massive Schulungsaufwände für Techniker weltweit erfordern.
Technische Details: So funktionieren Disketten im Flugzeug
Das Diskettenformat in der Luftfahrt
In der kommerziellen Luftfahrt kommen überwiegend 3,5-Zoll-HD-Disketten (High Density) mit 1,44 MB Speicherkapazität zum Einsatz. Die Formatierung erfolgt meist im DOS-FAT12-Standard, der mit den in den 1980er und 1990er Jahren entwickelten Avionik-Systemen kompatibel ist. Bei einigen älteren Systemen können auch 720-KB-DD-Disketten (Double Density) oder proprietäre Formate vorkommen.
Eine einzelne Diskette fasst 1,44 Megabyte – das entspricht etwa 400 Seiten reinem Text. Für eine vollständige Navigationsdatenbank-Aktualisierung werden typischerweise 6 bis 12 Disketten benötigt, die nacheinander eingelegt und geladen werden müssen. Der gesamte Ladevorgang kann 15 bis 30 Minuten pro Flugzeug dauern.
Der AIRAC-Zyklus und Navigationsdaten
AIRAC steht für „Aeronautical Information Regulation And Control" und ist ein internationaler Standard der ICAO (International Civil Aviation Organization). Der AIRAC-Zyklus legt fest, dass Änderungen an Luftfahrtdaten weltweit alle 28 Tage synchron in Kraft treten. Pro Jahr gibt es 13 AIRAC-Zyklen, die mit einem vierstelligen Code benannt werden (z.B. 2513 für den 13. Zyklus 2025).
Die Navigationsdatenbank enthält tausende Datenpunkte: Flughafenkoordinaten, Landebahndaten (Länge, Breite, Oberflächenbeschaffenheit, Neigung), Wegpunkte für Flugrouten, Luftstraßen-Definitionen, Standard-Instrumentenanflüge (SID/STAR), ILS/VOR/NDB-Frequenzen, Hindernisdaten in Flughafennähe und Warteraum-Definitionen (Holding Patterns). Diese Daten müssen aktuell sein, damit das Flight Management System korrekte Berechnungen durchführen kann.
Der Datenladeprozess
Der Datenladeprozess folgt einem streng definierten Ablauf: Ein autorisierter Techniker erhält die aktuellen Navigationsdaten von einem zertifizierten Anbieter wie Jeppesen oder Lido. Die Daten werden auf Disketten kopiert, die mit Seriennummer und AIRAC-Zyklus beschriftet werden. Am Flugzeug öffnet der Techniker das Datenladegerät (Navigation Database Loader), das sich meist hinter einer verschlossenen Abdeckung im Cockpit befindet.
Die Disketten werden nacheinander eingelegt. Das System verifiziert bei jeder Diskette die CRC-Prüfsumme und die digitale Signatur. Erst wenn alle Disketten erfolgreich geladen wurden, aktiviert der Techniker die neue Datenbank. Das System behält die alte Datenbank als Backup, bis die neue verifiziert ist. Bei Problemen kann auf die vorherige Version zurückgeschaltet werden.
Flugzeugmuster mit Disketten-Systemen (Stand 2025)
Die folgende Übersicht nennt Beispiele, bei denen Disketten-Systeme in bestimmten Konfigurationen dokumentiert oder noch im aktiven Einsatz sind. Die tatsächliche Nutzung variiert je nach Betreiber und durchgeführten Modernisierungen.
Boeing 747-400
Das bekannteste Beispiel für Disketten in der Luftfahrt. Jede 747-400 hat ein Disketten-Datenladegerät für die Navigationsdatenbank verbaut. Noch etwa 400 Exemplare sind weltweit aktiv, überwiegend als Frachtflugzeuge bei Cargolux, Atlas Air, Kalitta Air und anderen Frachtfluggesellschaften. Die Produktion endete 2009, die Disketten-Systeme bleiben bis zur Ausmusterung in Betrieb.
Boeing 737 Classic
Die älteren 737-Varianten (-300, -400, -500) mit Original-Avionik nutzen ebenfalls Disketten für Navigationsdaten-Updates. Betreiber dieser Maschinen führen Ordner mit beschrifteten Disketten für verschiedene Avionik-Systeme mit. Die meisten 737 Classic wurden mittlerweile ausgemustert, einige Exemplare fliegen noch bei kleineren Airlines und Frachtbetreibern.
Boeing 757/767
Ältere Konfigurationen dieser Muster können ebenfalls Disketten-Schnittstellen aufweisen. Die Boeing 757 (Produktion bis 2004) und ältere 767-Varianten nutzen in manchen Konfigurationen noch Disketten für Datenladungen. Viele Betreiber haben jedoch auf modernere Lösungen umgerüstet.
McDonnell Douglas MD-80/MD-90
Diese Muster mit Baujahren bis in die 1990er Jahre können in nicht modernisierten Konfigurationen noch Disketten-Schnittstellen besitzen. Die weltweiten Flotten sind stark geschrumpft – die meisten verbliebenen MD-80/90 fliegen in Nischenmärkten oder wurden bereits ausgemustert.
Wartungs- und Bodensysteme
Neben den Flugzeugen selbst nutzen auch viele Bodengeräte und Testausrüstungen in Wartungshangars noch Disketten. Ältere Prüf- und Diagnosegeräte, Triebwerkstestanlagen und Avionik-Prüfstände verwenden Disketten als Übertragungsmedium. Diese Infrastruktur zu modernisieren ist für viele Wartungsbetriebe nicht wirtschaftlich.
Militärische Luftfahrzeuge
Verschiedene militärische Plattformen nutzen aufgrund noch längerer Entwicklungs- und Nutzungszyklen ebenfalls Disketten-Technologie. Militärische Beschaffungszyklen dauern oft Jahrzehnte, und einmal zertifizierte Systeme werden aus Sicherheits- und Kostengründen selten geändert.
Disketten vs. vernetzte Systeme im Vergleich
| Kriterium | Disketten-Systeme | Vernetzte Systeme |
|---|---|---|
| Angriffsfläche | Keine Netzwerkexposition, immun gegen Remote-Hacking | Erfordert kontinuierliche Cybersecurity-Absicherung |
| Prozesskontrolle | Physische Präsenz eines Technikers erforderlich | Fernzugriff und automatische Updates möglich |
| Änderungsaufwand | Etablierte, über Jahrzehnte bewährte Prozesse | Neue Zertifizierung und Schulungen nötig |
| Update-Geschwindigkeit | 15-30 Minuten pro Flugzeug, manuell | Minuten, automatisiert über Netzwerk |
| Infrastruktur | Standardisierte 3,5-Zoll-Laufwerke | Proprietäre oder offene Netzwerk-Schnittstellen |
| Kosten bei Umrüstung | Keine (bestehendes System) | Hunderttausende Euro pro Flugzeug |
| Dokumentation | Physische Medienverwaltung mit Seriennummern | Digitale Prüfprotokolle und Audit-Logs |
| Ausfallsicherheit | Funktioniert auch ohne Netzwerk-Infrastruktur | Abhängig von Netzwerkverfügbarkeit |