Disketten in der Medizintechnik
In einigen älteren, nicht modernisierten medizintechnischen Systemkonfigurationen werden 3,5-Zoll-Disketten bis heute für Wartung, Konfiguration und Datenübertragung ohne Netzwerkverbindung genutzt – auch 2025 noch.
Der Einsatz ist nicht flächendeckend und betrifft überwiegend Wartungs-, Service- und Archivprozesse außerhalb der direkten Patientenversorgung. Medizingeräte haben Lebenszyklen von 10-20 Jahren – solange sie sicher funktionieren und die Validierungsanforderungen erfüllen, besteht für viele Einrichtungen kein Anlass zur Modernisierung. Die FDA bezeichnet solche Geräte als „Legacy Devices" und hat 2023 neue Richtlinien für deren Management herausgegeben.
Fakten zu Disketten in der Medizintechnik
Begrenzter Einsatz
Disketten nur in bestimmten älteren Konfigurationen.
Lange Lebenszyklen
Medizingeräte 10-20 Jahre und länger im Betrieb.
Validierungspflicht
Änderungen erfordern Tests und behördliche Nachweise.
Arbeitsabläufe ohne Netzwerk
Kontrollierte, physische Datenübertragung per Diskette.
Einsatzbereiche von Disketten in der Medizintechnik
Wartung und Service
Bei älteren medizintechnischen Geräten können Service- und Diagnosetools über Disketten bereitgestellt werden. Servicetechniker laden Firmware-Updates, Diagnoseprogramme und Kalibrierungsdaten von Disketten. Dies betrifft vor allem Wartungs- und Prüfprozesse außerhalb des direkten klinischen Betriebs. Manche Hersteller liefern Service-Disketten mit spezialisierten Tools für Inbetriebnahme und Fehleranalyse.
Gerätekonfiguration und Kalibrierung
Parameter- und Konfigurationsdaten können in Bestandssystemen über Disketten übertragen werden, um definierte und reproduzierbare Einstellungen sicherzustellen. Die Kalibrierungsdaten von Messgeräten, Ultraschallsonden oder Laboranalysatoren werden auf Disketten archiviert. Dies ermöglicht die Rückverfolgbarkeit von Einstellungen über Jahre hinweg – ein Aspekt, der bei Audits und Zertifizierungen relevant ist.
Bildgebende Diagnostik (Legacy-Systeme)
Ältere Ultraschallgeräte, Röntgensysteme und CT-Scanner aus den 1990er und frühen 2000er Jahren können Disketten-Schnittstellen haben. Der DICOM-Standard für medizinische Bilddaten definierte historisch die 3,5-Zoll-Diskette als physisches Speichermedium. Manche älteren Geräte speichern Patientenbilder auf Disketten zur Übertragung an andere Systeme – wobei diese Praxis heute weitgehend durch PACS-Netzwerke ersetzt ist.
Kardiologische Systeme
Ältere EKG-Geräte, Holter-Monitore und Belastungs-EKG-Systeme nutzen Disketten für Patientendaten und Analyseprogramme. Geräte von GE, Philips/HP und Siemens aus den 1990er Jahren haben standardmäßig 3,5-Zoll-Laufwerke. In Arztpraxen und kleineren Kliniken mit begrenztem Budget können solche Geräte noch im Einsatz sein, solange sie zuverlässig funktionieren und die Patientenversorgung nicht gefährden.
Laboranalytik und Diagnostik
Laboranalysegeräte für Blutchemie, Hämatologie oder Immunassays aus den 1990er und 2000er Jahren können Disketten für Methodendaten, Kalibrierungskurven und Qualitätskontrolldaten nutzen. Die Geräte laufen oft auf MS-DOS oder frühen Windows-Versionen und haben keine Netzwerkanbindung. Manche Labore führen Archive mit jahrzehntealten Qualitätskontrolldaten auf Disketten.
Archiv- und Schulungssysteme
In Ausbildungs-, Archiv- oder Testumgebungen existieren ältere Systeme, die Disketten als Datenträger nutzen, ohne direkten Bezug zur aktuellen Patientenversorgung. Medizinische Ausbildungseinrichtungen und Simulationszentren setzen historische Geräte für Lernzwecke ein. Archive älterer Patientendaten können auf Disketten vorliegen – deren Migration auf moderne Systeme ist oft mit erheblichem Aufwand verbunden.
Warum werden Disketten in der Medizintechnik weiter genutzt?
Die Nutzung von Disketten in bestimmten medizintechnischen Systemen ist technisch und regulatorisch begründet – nicht Ausdruck von Rückständigkeit. Es gibt handfeste wirtschaftliche, sicherheitstechnische und regulatorische Gründe.
Regulatorische Anforderungen
Medizinprodukte unterliegen strengen Zulassungs- und Validierungspflichten (FDA in den USA, MDR in der EU). Änderungen an Datenwegen erfordern Re-Validierung, Tests, Dokumentation und behördliche Genehmigungen. Der Aufwand kann den Nutzen einer Modernisierung übersteigen.
Cybersicherheit durch Offline-Betrieb
Paradoxerweise bieten Disketten einen Sicherheitsvorteil: Als offline-Medium sind sie immun gegen Ransomware-Angriffe. 2024 legten Cyberangriffe mehrere Krankenhaussysteme in den USA lahm. Legacy-Geräte ohne Netzwerkanbindung waren davon nicht betroffen.
Wirtschaftlichkeit bei hohen Gerätekosten
Medizingeräte sind teuer – ein CT-Scanner kostet 500.000-2.000.000 Euro, ein MRT-System 1-3 Millionen Euro. Solange die Geräte zuverlässig arbeiten und die Patientenversorgung nicht gefährden, ist ein Austausch wirtschaftlich nicht sinnvoll.
Lange Produktlebenszyklen
Die typische Nutzungsdauer von Medizingeräten beträgt 10-20 Jahre. Die American Hospital Association empfiehlt 7-10 Jahre für bildgebende Systeme, aber viele Geräte bleiben mit guter Wartung deutlich länger im Einsatz – manchmal bis zur vollständigen Ausmusterung des Geräteparks.
Etablierte Serviceprozesse
Über Jahrzehnte haben sich bewährte Prozesse für Wartung, Kalibrierung und Service entwickelt. Mitarbeiter sind geschult, Checklisten existieren, die Dokumentation ist vollständig. Eine Umstellung erfordert Schulungen, neue Prozesse und Anpassungen der Qualitätssicherung.
Hersteller-Support-Ende
Für viele ältere Geräte gibt es keinen offiziellen Hersteller-Support mehr. Der Hersteller existiert vielleicht nicht mehr oder bietet keine Updates. Die Disketten-Schnittstelle funktioniert weiter – eine Umrüstung auf USB würde proprietäre Hardware erfordern, die nicht mehr verfügbar ist.
Technische Details: Disketten in der Medizintechnik
Legacy-Geräte und FDA-Regulierung
Die FDA (Food and Drug Administration) definiert „Legacy Devices" als Medizinprodukte mit veralteter oder nicht mehr unterstützter Software, die nicht mehr angemessen gegen aktuelle Cybersicherheitsbedrohungen geschützt werden können. Im November 2023 beauftragte die FDA das MITRE-Institut mit einem Bericht zu Legacy-Geräten. Die Empfehlungen umfassen Datensammlung zu Risiken, Informationsaustausch zwischen Herstellern und Krankenhäusern sowie Forschung zu modularen Gerätedesigns.
Die neuen FDA-Cybersicherheitsrichtlinien von 2023 verlangen von Herstellern einen „Software Bill of Materials" (SBOM) und Pläne für Sicherheitsupdates. Legacy-Geräte, die vor diesen Regelungen auf den Markt kamen, müssen diese Anforderungen nicht erfüllen – aber Krankenhäuser müssen die Risiken managen. Experten schätzen, dass die vollständige Ablösung älterer Medizingeräte „eine Generation" dauern könnte.
DICOM und historische Disketten-Nutzung
Der DICOM-Standard (Digital Imaging and Communications in Medicine) ist der internationale Standard für medizinische Bilddaten. In seiner historischen Definition spezifiziert DICOM verschiedene physische Speichermedien – einschließlich der 3,5-Zoll-Diskette im FAT12-Format. Das DICOM Media Storage Model definiert drei Schichten: Physical Media Layer, Media Format Layer und DICOM Data Format Layer. Die 3,5-Zoll-HD-Diskette mit 1,44 MB wurde als eines der physischen Medien spezifiziert.
Moderne DICOM-Implementierungen nutzen primär Netzwerk-basierte Übertragung und Speicherung in PACS-Systemen (Picture Archiving and Communication System). Ältere Geräte können jedoch noch Disketten für DICOM-Daten verwenden – etwa für den Austausch zwischen nicht vernetzten Systemen oder für die Archivierung. Die DICOMDIR-Struktur auf Disketten enthält Verzeichnisinformationen für schnellen Zugriff auf medizinische Bilder.
Cybersicherheit und Krankenhaus-IT 2024/2025
Cyberangriffe auf Krankenhäuser nehmen zu. Der Ascension-Ransomware-Angriff 2024 legte Systeme in mehreren US-Bundesstaaten lahm – Apotheken mussten schließen, Kliniken kehrten zu Papierakten zurück. Die durchschnittlichen Kosten von Cyberangriffen für Gesundheitsorganisationen betragen 10,1 Millionen Dollar pro Jahr. Legacy-Geräte ohne Netzwerkanbindung – also auch solche mit Disketten-Schnittstellen – sind von solchen Angriffen nicht direkt betroffen.
Die FDA warnt allerdings vor Legacy-Geräten mit veralteten Betriebssystemen, die am Netzwerk hängen. Manche älteren Geräte laufen auf Windows XP oder sogar MS-DOS – Systeme, für die seit Jahren keine Sicherheitsupdates mehr verfügbar sind. Disketten-basierte Geräte ohne Netzwerkanbindung haben dieses Problem nicht. Die „Air Gap" zwischen Gerät und Netzwerk bietet einen grundlegenden Schutz, der bei vernetzten Systemen erst aufwändig hergestellt werden muss.
Medizingeräte-Kategorien mit möglicher Disketten-Nutzung
Die folgende Übersicht zeigt Kategorien medizintechnischer Geräte, bei denen Disketten-Systeme dokumentiert oder noch im Einsatz sein können. Die tatsächliche Verbreitung hängt von Gerätealter, Hersteller und durchgeführten Modernisierungen ab.
Ultraschallgeräte
Ältere Ultraschallsysteme von Siemens Acuson, GE, Philips/ATL und anderen Herstellern aus den 1990er und frühen 2000er Jahren haben Disketten-Schnittstellen für Bildspeicherung und Gerätekonfiguration. Portable und stationäre Systeme für Kardiologie, Radiologie und Gynäkologie können betroffen sein.
EKG- und Belastungssysteme
Ruhe-EKG-Geräte, Belastungs-EKG-Systeme und Holter-Monitore von GE Marquette, Philips/HP, Siemens und anderen Herstellern nutzen Disketten für Patientendaten, Analyseprogramme und Gerätekonfiguration. Systeme wie GE MAC 5000/5500 oder Philips PageWriter haben standardmäßig Diskettenlaufwerke.
Laboranalysegeräte
Klinische Chemie-Analysatoren, Hämatologie-Systeme und Immunassay-Geräte älterer Generationen nutzen Disketten für Methodendaten, Kalibrierungskurven und Qualitätskontrolldaten. Geräte von Roche, Siemens Healthineers, Beckman Coulter und Abbott aus den 1990er Jahren können betroffen sein.
Röntgen- und CT-Systeme
Ältere Röntgengeräte, Fluoroskopie-Systeme und CT-Scanner können Disketten für DICOM-Export, Gerätekonfiguration und Service nutzen. Die empfohlene Nutzungsdauer für CT-Geräte beträgt 7 Jahre, viele Systeme bleiben aber deutlich länger im Einsatz – insbesondere in Ländern mit begrenzten Gesundheitsbudgets.
Patientenmonitore
Ältere Patientenüberwachungssysteme von Philips, GE, Spacelabs und anderen Herstellern haben Disketten-Schnittstellen für Konfiguration und Datensicherung. In Intensivstationen, OP-Sälen und Überwachungseinheiten können solche Systeme nach 15-20 Jahren noch im Einsatz sein.
Therapiegeräte und sonstige Systeme
Strahlentherapie-Planungssysteme, Dialysegeräte, Infusionspumpen-Dokumentation und andere spezialisierte Medizintechnik können Disketten-Schnittstellen haben. Besonders in Bereichen mit hohen Zulassungsanforderungen werden Systeme lange genutzt, um Re-Validierungsaufwand zu vermeiden.
Disketten vs. vernetzte Systeme in der Medizintechnik
| Kriterium | Disketten-Systeme | Vernetzte Systeme |
|---|---|---|
| Cyberangriffe | Immun gegen Ransomware und Remote-Hacking | Kontinuierliche Absicherung erforderlich |
| Regulatorische Anforderungen | Etablierte Validierung, keine Updates nötig | SBOM, Cybersecurity-Pläne, regelmäßige Updates |
| Datenschutz (DSGVO) | Physische Kontrolle über Datenträger | Verschlüsselung, Zugriffskontrollen, Audit-Logs |
| Investitionskosten | Keine (bestehendes System) | Netzwerkinfrastruktur, neue Software, Re-Validierung |
| Betriebskosten | Disketten und Laufwerke (gering) | IT-Personal, Lizenzen, Sicherheitsupdates |
| Datenaustausch | Physische Übergabe, langsam | Echtzeit-PACS, HL7/FHIR-Integration |
| Workflow-Integration | Isolierte Geräte | Durchgängige digitale Prozesse |
| Support-Situation | Oft kein Hersteller-Support mehr | Aktive Updates und Patches vom Hersteller |